Mit Mourinho und Ronaldinho gegen die Depression
In der Tat fehlt der Serie A an der Spitze die Qualität der Premier League. Trotzdem scheint sie sich von den Wirren zu erholen, die der Calcioskandal vor zwei Jahren nach sich gezogen hat. Die Tifosi freuen sich auf den Kampf der grossen drei, Inter, Milan und Juve, auf medial inszenierte Auftritte von José Mourinho und auf Kunststücke von Ronaldinho. Aus Schweizer Sicht rückt die Serie A in den Fokus, weil vier Internationale (Inler, Nef, Lichtsteiner, Senderos) - so viele wie noch nie - mit guten Stammplatz-Perspektiven in die Saison starten.
Der Meister und Top-Favorit
Unter Roberto Mancini war Inter Mailand 2007 und 2008 Meister geworden. Trotzdem zögerte Präsident Massimo Moratti keine Sekunde, als sich die Möglichkeit bot, den Erfolgscoach durch José Mourinho zu ersetzen. In vier Jahren war Mancini bei Inter nie geliebt worden. Doch er hat Mourinho ein im Wortsinn meisterliches Erbe hinterlassen: Die von ihm aufgebaute Mannschaft ist auf jeder Position doppelt erstklassig besetzt - zumindest für den Liga- Alltag.
Denn Mancini rotierte fleissig. Das Ergebnis war, dass Inter nie in eine wochenlange Baisse fiel, gegen schwache Mannschaften keine Punkte liegen liess und so kaum am Titel gehindert werden konnte. Durch die Transfers des Brasilianers Mancini (AS Roma) und des Ghanaers Muntari (Portsmouth) ist die Squadra auch qualitativ verstärkt worden. Zerbricht sie nicht am immensen Druck, nun mit Mourinho endlich die Champions League gewinnen zu müssen, ist es nur schwer denkbar, dass sie den Titel-Hattrick nicht realisiert.
Die Herausforderer
Stadtrivale Milan hat auf dem «Mercato» zugelangt wie lange nicht mehr (Ronaldinho, Zambrotta, Flamini, Schewtschenko, Borriello, Senderos) und verfügt über mehr individuelle Klasse als Inter. Doch viele Fragezeichen umranken die Rossoneri. Genügt der Schweizer Senderos, um den an (chronischen?) Rückenproblemen leidenden Abwehrchef Nesta zu ersetzen? Harmonieren die vielen Stars in der Offensive? Leidet das legendär gute Arbeitsklima im Milanello, wenn Leute wie Seedorf, Schewtschenko, Ronaldinho, Kaká und Inzaghi plötzlich auf die Ersatzbank oder auf die Tribüne müssen?
Bei Juventus setzt man auf bescheidenere (und nordische) Namen. Das muss nicht schlecht sein. Für die Abwehr wurde Mellberg (Sd) von Aston Villa und fürs zentrale Mittelfeld Poulsen (Dä) vom FC Sevilla geholt. Auch in der neuen Saison wird bei Juventus neben Buffon und Del Piero bloss der grosse Name für Glamour sorgen -und doch dürfte die grundsolide Squadra die Mailänder Konkurrenz hart fordern.
Vorsichtiger sind in Italien die Prognosen für die AS Roma. Bei einer Online-Umfrage der «Gazzetta dello Sport» trauten den Römern nur gerade fünf Prozent der User den Titel zu. In den letzten zwei Saisons zeigte die Roma attraktiven Angriffsfussball, profitierte von den Wirren des Calcioskandals, die Juventus und teilweise Milan heimsuchten, und nistete sich hinter Inter auf Rang 2 ein. Es wäre ein grosser Erfolg, könnten die «Giallorossi» diese Platzierung wiederholen. Zumal Captain Totti nach dem Kreuzbandriss im April wohl noch einige Wochen braucht, bis er in bester Verfassung ist.
Die beiden Superstars
In den letzten Jahren kehrten die Stars dem Calcio haufenweise den Rücken. Zum Teil wegen des Manipulationsskandals 2006, zum Teil, weil sie wegen der Steuergesetze in Spanien und England besser verdienen konnten. Jetzt haben zwei Superstars den Weg in die einst «schönste Liga der Welt» gefunden und die Serie A ein wenig aufgewertet: José Mourinho und Ronaldinho. Der Trainer von Inter hat in Italien keine Zeit verloren, sich in seiner Vielfalt zu präsentieren. Mit der Mannschaft arbeitet er akribisch und erfolgreich. Der Auftritt im Supercup gegen Roma war jedenfalls gelungen. Inter zeigte tollen Fussball - die Öffentlichkeit staunte und applaudierte.
Daneben inszenierte sich Mourinho in den Medien mit Äusserungen aller Art. Er provozierte mal den Juve-Trainer Ranieri und gab mal eine Streicheleinheit an Milan-Coach Ancelotti ab. Beleidigte an einem Tag Schewtschenko, um ihn am nächsten Tag verbal in die Arme zu schliessen. Er zieht die gesamte Aufmerksamkeit geschickt auf sich, damit sich seine «Nerazzurri» hinter den verschlossenen Türen von Appiano Gentile in Ruhe auf die kommenden Aufgaben vorbereiten können.
Der zweite Superstar, Ronaldinho, elektrisiert die Massen im anderen Mailänder Bevölkerungsteil. Dabei sagte er bis jetzt noch gar nichts. Aber als er ankam und im San Siro an einem Donnerstagabend im Juli kurz auf den Rasen trat, eine kleine Runde drehte und auf die Tribünen winkte, sassen 40 000 Milan-Tifosi auf den Rängen und waren glücklich. Als der Wechsel des einstigen Weltfussballers von Barcelona nach Mailand perfekt war, kauften innerhalb von zehn Tagen 30 000 Fans eine Jahreskarte. Die mediale Wirkung des Transfers war grandios. Jetzt ist es an Ronaldinho, auf dem Rasen zu beweisen, das seine Verpflichtung nicht bloss ein gut inszenierter PR-Gag war.